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BSE
— Chronologie eines Kriminalfalls? Mit Dokumenten aus der EU, deutschen und britischen Behörden lässt sich nachvollziehen, wie der Rinderwahn zur europaweiten Seuche wurde. Um die Agrarindustrie zu retten gingen Beamte und Politiker das Risiko ein, dass Tausende Menschen starben.
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Mit Lippenstift hatte die 15-jährige Victoria aus Wales auf ein Kalenderblatt den schlichten Satz geschrieben: „Ich will mein Leben zurück.“ Das war kurz bevor sie ins Koma fiel. Als Victoria 1994 ins Koma fiel, vermutete der aufmüpfige Forscher Richard Lacey sofort eine Infektion durch Rindfleisch. Doch die Regierung leugnete einen Zusammenhang. Das Londoner Gesundheitsministerium ordnete an, einen “untypischen Zufall“ auf dem Krankenblatt zu attestieren. Wenige Monate nachdem das Mädchen für immer sein Bewusstsein verlor, erlag der 19-jährige Stephen Churchill als Erster dem neuen Hirnleiden, bald darauf folgten weitere Opfer. Als der britische Neuropathologe James Ironside die Gehirne von drei jungen Patienten 1995 verglich, fielen ihm die immer gleichen durchlöcherten Gehirne auf. Die Gewebeschnitte ähnelten den zerfressenen Hirnen der BSE-Rinder. Er nannte das tödliche Leiden die „neue Variante der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit“, kurz vCJK. Der „Daily Mirror“ erschien am 20. März 1996 mit der Schlagzeile: “Der Rinderwahn kann auch Sie umbringen, das wird die Regierung heute einräumen.“ Das Blatt hatte ein Gutachten zugespielt bekommen, in dem die 13 Mitglieder eines wissenschaftlichen Beratungsgremiums ihre bestürzenden Befunde über acht vCJK-Tote niederlegten. Die Kranken seien im Durchschnitt 27,5 Jahre alt gewesen, und es könne nicht mehr ausgeschlossen werden, dass sie sich durch Rindfleisch infiziert hätten. Die Bombe war geplatzt. Das jahrelang funktionierende Kartell der Vertuscher brach innerhalb von Tagen zusammen. DER BEGINN Darauf behauptete Keith Meldrum, Chefveterinär des britischen Landwirtschaftsministeriums das genaue Gegenteil: „Die Ungefährlichkeit für den Menschen“ sei “vollkommen klar“. Abwiegler Meldrum ist inzwischen widerlegt. 83 Briten, ein Ire und drei Franzosen sind bis jetzt verbürgt an der menschlichen BSE-Variante gestorben. Die Krise hat die Europäische Union erschüttert wie kaum ein Ereignis zuvor. Umsteuern wäre schon vor Jahren nötig und auch möglich gewesen. Aber in allen Ländern Europas gab es Politiker, Beamte und Lobbyisten, die, statt die Verbraucher vor krank machendem Fleisch zu schützen, lieber die Fleischmärkte vor der Angst der Verbraucher schützen wollten. Keith Meldrum, der britische Chefveterinär war eine Schlüsselfigur in der Chronik der Versäumnisse. Im so genannten Phillips-Report, einer knapp 4000 Seiten starken Studie für die britische Regierung über den BSE-Skandal, wird der damalige oberste britische Tierarzt rund 50-mal als verantwortlicher Vertuscher genannt. Wann immer Alarmglocken schrillten, Meldrum gab Entwarnung. Als die EU-Kommission 1990 britische Schlachthäuser inspizieren lassen wollte, verbat sich Meldrum jegliche „Einmischung“ in nationale Angelegenheiten. Zugleich prophezeite Meldrum, die Seuche werde fünf Jahre nach dem 1988 erlassenen Verbot, Tiermehl an Wiederkäuer zu verfüttern, ausgerottet sein: „1993 können Sie die Sache vergessen“, tönte er. Meldrums gab es überall an den entscheidenden Stellen. Sie haben dafür gesorgt, dass sich die tödliche Seuche über Europa ausbreiten konnte. Offiziell beginnt die Geschichtsschreibung des Rinderwahnsinns zwei Tage vor Heiligabend 1984. Der Tierarzt David Bee wird zur Pitsham-Farm im südenglischen Sussex gerufen. Bauer Peter Stent sorgt sich um ein Tier. Die Kuh mit der Bezeichnung 133 demoliert Milchanlagen und randaliert im Stall. Der Veterinär bemerkt ihren durchgebogenen Rücken, sie ist auch seltsam mager. “Infektion? Gift im Futter?“ Weder Tierarzt noch Bauer wissen Rat. „Kuh 133“ verendet am 11. Februar 1985. Zu jener Zeit wunderten sich mehrere Tierärzte in Südengland über aggressive und nervöse Kühe, vor allem in der Grafschaft Kent. Einer der Mediziner war Colin Whitaker, der nach fünf Fällen auf einer Farm nicht mehr an Zufall glauben mochte. Er ließ das Hirn von drei Tieren analysieren, checkte die Fachliteratur. Die zitternden und torkelnden Rinder ähnelten Schafen, die von “Scrapie“, einer tödlichen Nervenkrankheit, befallen waren. Whitaker plante deshalb eine Veröffentlichung mit dem beteiligten Amtstierarzt über das „Scrapie-ähnliche Syndrom“. Doch dessen Chefs im Landwirtschaftsministerium soll die Diagnose überhaupt nicht behagt haben. Sie forderten ihn laut Whitaker auf, den Begriff „Scrapie-ähnlich“ zu vermeiden, das klang ihnen zu sehr nach Seuche. Whitaker machte einen dicken „schwarzen Strich“ auf die Stelle in seinem Manuskript, „damit es nicht mehr gelesen werden“ konnte. Zwar gilt Kuh 133 als erstes Opfer des Rinderwahns. Doch sie war nur die erste, die einem Tierarzt so stark auffiel, dass er sie näher untersuchte. Harry Coulthard war 40 Jahre lang Veterinär in Großbritannien. Jedes Jahr, erzählte er einer britischen Untersuchungskommission, habe er mindestens sechs Kühe präsentiert bekommen, die an unklaren, zentralnervösen Leiden gestorben waren. Coulthard diagnostizierte in solchen Fällen mal Tetanus, mal Pflanzenvergiftung, manchmal auch nur „G.O.K.“. Das Kürzel stand für “God only knows“ - Gott allein weiß es. Bis 1985, noch bevor die Seuche einen Namen hatte, sind nach einer Untersuchung des Oxforder Epidemiologen Roy Anderson 54.000 infizierte Rinder in die Nahrungskette der Menschen gelangt. Danach bekam der BSE-Ausbruch eruptive Gewalt. Bis Mitte der Neunziger, schätzt Anderson, haben Menschen das Fleisch von nicht weniger als 750.000 infizierten Tieren gegessen. Die Zahl wäre erheblich niedriger ausgefallen, wenn jene, die mit BSE befasst waren, die richtigen Entscheidungen getroffen hätten. Die britischen Tierärzte, die als Erste die neue Rinderkrankheit entdeckten, fürchteten den Zorn der Züchter und Mäster. Der Export von „British beef“ lief prächtig. Über die Jahre hatte die Regierung die Bauern beraten und Geld investiert. 700 Millionen Pfund setzte die Branche schon um mit dem Export. Deshalb mussten die Veterinäre ihren Verdacht über die unheimliche Krankheit für sich behalten. Diese Erfahrung machte etwa eine junge Pathologin im zentralen staatlichen Veterinärlabor in Weybridge bei London. Im Gehirnschnitt einer Kuh des Bauern Stent stellte sie kleine Löcher fest. „Scrapie bei einer Kuh“, diagnostizierte sie. Aber weder Vorgesetzte noch Kollegen wollten davon etwas wissen. Im Lauf des Jahres 1986 gingen in dem Labor jedoch immer mehr Gewebeproben von „nervösen“ Rindern ein. Ende Dezember wurde den Verantwortlichen des Labors endlich klar, dass sie die Tierkrankheit nicht länger ignorieren konnten, sie nannten sie „Bovine Spongiforme Encephalopathie“, kurz BSE. Trotzdem sorgten sich Mitarbeiter in Weybridge weiter um die Fleischindustrie - und um das Wohl des Landes. Ray Bradley, der Chefpathologe, schrieb vertraulich an den Leiter des Instituts: „Falls es sich um Rinder-Scrapie handelt, wird dies ernsthafte Auswirkungen auf den Exporthandel haben und möglicherweise auch für die Menschen“, wie er fast beiläufig anfügte. Wissenschaftler aus Weybridge und der Staatssekretär im Agrarministerium einigten sich bei mehreren Treffen auf „veterinär-politische“ Sprachregelungen: „Kein alarmistischer Ton“ und „keine Exportgefährdung“, denn „eine schlecht informierte Öffentlichkeit könnte zu hysterischen Forderungen nach drakonischen Maßnahmen führen“. Drei Jahre nachdem der Ausbruch der Seuche erkennbar geworden war, im Frühjahr 1988, konnten Epidemiologen in Weybridge die mutmaßliche Ursache für die Rinderkrankheit ausmachen: Tiermehl, das aus Schlachtabfällen sowie verendeten Tieren gewonnen wird, übertrug offenbar den Erreger. Obwohl eine mögliche Infektion eines Tiers, wenn es Kadaver von Artgenossen frisst, schon lange in der Wissenschaft bekannt ist, mischten britische Hersteller seit Jahren immer mehr Tiermehl unter ihre Futtermittel. Das proteinhaltige Pulver erhöhte die Milchleistung einer Kuh. Um Energiekosten zu sparen, reduzierten die Tiermehlfabrikanten die Sterilisationstemperatur auf 80 Grad. Das tötet gerade noch Salmonellen ab, jedoch nicht den BSE-Erreger. Im Mai 1988 setzte die britische Regierung endlich ein wissenschaftliches Beratergremium ein - dem aber kein einziger BSE-Experte angehörte. Vorsitzender wurde der Oxforder Zoologe Sir Richard Southwood, der das Fehlen der Fachleute treuherzig so erklärte: „Wir wollten keine Leute, die zu sehr am Problem sind, sondern das Große und Ganze sehen.“ Am 3. Februar 1989 legte die Kommission ihr Gutachten vor: Es sei “sehr unwahrscheinlich, dass BSE irgendwelche Folgen für die menschliche Gesundheit haben wird“. Das war unrichtig, denn Neuropathologen aus Edinburgh, die Mäusen BSE-infizierte Hirnmasse von Kühen gespritzt hatten, wiesen bereits im Oktober 1988 nach, dass die Seuche sehr wohl eine Artenschranke überspringen kann. Ein Exportverbot für das tödliche Pulver kam für die Regierung der Eisernen Lady nicht in Frage. Im Gegenteil: Die Futtermittelhersteller wurden ermuntert, die verloren gegangenen Inlandsmärkte durch verstärkte Ausfuhren zu kompensieren. Tatsächlich stieg ein Jahr nach dem Tiermehlverbot auf der Insel der Export von Tiermehl ins EU-Ausland fast um das Dreifache an - von jährlich bisher 13.000 auf über 32.000 Tonnen. Die Franzosen nahmen gleich 15.674 Tonnen ab, die Niederländer über 6.000 Tonnen, die Belgier und Luxemburger rund 1.600 Tonnen. Und auch deutsche Importeure kauften bei den Briten noch Ende des Jahres 1988 über 500 Tonnen ein, 1989 gingen nach Deutschland noch 578 Tonnen. Doch das Fleisch infizierter Tiere gelangte wohl auch auf andere Art an die Küsten des Kontinents. Die Regierung in London bot den Landwirten seit Mitte 1989 an, für notgeschlachtete BSE-Rinder die Hälfte des Marktpreises zu zahlen. Die knauserige Offerte erwies sich als Fehler, denn den Bauern war das zu wenig. Es begann der große Viehschwindel. Landwirte, die schon kranke Rinder in ihren Ställen hatten, kauften kränkelnde Kühe dazu, um wenigstens deren Schlachtprämien kassieren zu können. Die Verkäufer hatten den Vorteil, dass ihre Herden weiterhin als BSE-frei galten und das Fleisch ihrer Tiere ungeprüft europaweit verkauft wurde. SPRUNG
NACH EUROPA Am 6. März 1990 veranlassten EU-Behörden, dass die Briten jede einzelne kranke Kuh nach Brüssel melden mussten. Das war es aber auch schon an Vorsichtsmaßnahmen. Denn beim Abblocken weiterer EU-Forderungen hatte die Londoner Regierung in dem irischen Agrarkommissar MacSharry einen willfährigen Verbündeten. Wie ein Despot herrschte MacSharry in Brüssel, setzte Vertreter von EU-Mitgliedsstaaten unter Druck. Als etwa bei einer Sondertagung des Agrarrats im Juni 1990 Importstopps beschlossen werden sollten, drohte er Klagen vor dem Europäischen Gerichtshof in Luxemburg an. Beamte, die ihm kritische Reports über die verheerenden Zustände in britischen Exportschlachthöfen hinterbringen wollten, setzte er vor die Tür. Bei anderen Brüsseler Kommissaren war das Thema BSE ohnehin nicht willkommen. Die Gemeinschaft war gerade dabei, den grenzenlosen Binnenmarkt einzuführen. Freier Handel und Schutz der Märkte, auch der Fleischmärkte, wurden zum obersten Gebot der EU-Beamten. Handelsbarrieren, Kontrollen, ein Ekelthema wie das der torkelnden Kühe, störten da. Deshalb muckte auch niemand auf, als Chefveterinär Meldrum EU-Lebensmittelkontrolleure zwischen 1990 und 1994 von jeder BSE-Inspektion in englischen Schlachthöfen ausschloss. Meldrum meinte, das sei eine nationale Angelegenheit. Auch stellte niemand Fragen, als die Briten in Brüssel begannen, die wissenschaftlichen Ausschüsse zu majorisieren. Sie waren sich nicht einmal zu fein, Protokolle von Debatten verschwinden zu lassen. Bei BSE, so rechtfertigt der Brite Meldrum im Ständigen Veterinärausschuss in Brüssel seine Haltung, handle es sich nur um ein „Vertrauensproblem“, nicht um ein „Verbraucher-schutzproblem“. Von britischem Fleisch gehe keine Gefahr aus, jedenfalls gebe es dafür keine Beweise. Mehr und mehr übertrug sich die englische Denkungsart auch auf EU-Beamte anderer Nationalitäten. Am 9. Oktober 1990 verfasste der französische Beamte Gérard Castille ein Gedächtnisprotokoll darüber, was hinter den verschlossenen Türen der Brüsseler BSE-Ausschüsse so gesprochen wurde. „Man muss eine kaltblütige Haltung einnehmen, um keine ungünstigen Reaktionen auf den Markt zu provozieren“, lautete eines der Zitate, die Castille notierte: “Einfach nicht mehr über BSE sprechen ... Wir werden das Vereinigte Königreich jetzt auch offiziell bitten, keine weiteren Forschungsergebnisse mehr zu publizieren“. Besonders rabiat: "Im Allgemeinen muss man die BSE-Affäre durch Desinformation minimieren. Am besten sagen wir, die Presse hat eine Tendenz zum Übertreiben.“ Am 2. November
1990 stellte sich schließlich heraus, dass die Rinderseuche BSE von der
britischen Insel auf den europäischen Kontinent übergegriffen hatte: In
der Schweiz wurde die erste BSE-Kuh entdeckt, die nicht importiert, sondern
im Milka-Land geboren war. 1991 meldete Frankreich 5 Fälle, in Irland
waren bis dahin schon 17 BSE-Rinder aufgefallen. |
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Wie
wichtig es wäre die artgerechte Tierhaltung und den BIO-Landbau zu fördern,
sollte uns spätestens nach der BSE Krise bewusst werden. Bio-Tipp: Lassen
Sie sich die BIO-Produkte ins Haus liefern, z.B. durch den Verband KT-Freiland
(ehem. Verband kritische Tiermedizin). |