Fairness leicht erklärt
Wenn ein Kind darum kämpft, mehr naschen, länger fernsehen oder eine Party besuchen zu dürfen, bemerken achtsame Menschen sofort zweierlei, erstens: Die Rechthaberei ist uns offenbar bereits in die Wiege gelegt, denn schon die Kleinsten treten vehement für das ein, was aus ihrer Sicht richtig ist. Und zweitens: Als fair wird vom (inneren) Kind ausschließlich akzeptiert, wenn dieses bekommt was es will (zumindest im ersten Enttäuschungsreflex).
Erwachsene ticken oft nicht anders, besonders aus wirtschaftlicher Not (und sonstigen persönlichen Kränkungen). Und wer sich schon immer über teure Gasrechnungen ärgern musste, wird naturgemäß wenig Freude mit Wirtschaftssanktionen gegen seinen kleptokratischen Gasproduzenten haben, wenn der gemeinschaftliche Versuch, diesen auf den friedlichen Pfad des Völkerrechts zurückführen, die eigenen Kosten fürs Heizen zusätzlich erhöht. (Über die Lehren aus der Coronazeit plane ich überhaupt einen seperaten Grünzeugs-Beitrag, denn das würde hier zu weit führen.)
Als Jurist mit Schwerpunkt Zivilrecht glaube ich, meine eigene (hoffentlich salomonische) Definition entwickelt zu haben: Fair ist es, wenn es für alle gleichermaßen akzeptabel ist, und zwar insbesonders auch nach einem Rollentausch! Fairerweise sollte man also immer prüfen, ob man die eigenen Argumente vom Standpunkt der Gegenseite aus auch noch so überzeugend findet (- besonders wenn sie dann plötzlich nicht mehr vorteilhaft sind). Denn Fragen zur Fairness stellen sich meines Erachtens ausschließlich dann, wenn es eben unterschiedliche Wünsche zwischen Personen(gruppen) gibt, und die Gefahr ist evident, dass (vielleicht überforderte) Menschen dann nur kurzsichtig an sich selbst denken, statt nach gerechten Lösungen für möglichst alle zu suchen.
Der Umgang mit Funden ist ein anschauliches Beispiel für die Problematik: Wenn wir etwas Wertvolles finden, wollen wir es behalten dürfen, aber wenn wir selbst etwas verloren haben, möchten wir lieber, dass es an uns zurückgegeben werden muss. Blöd nur, dass sich beide Lösungsansätze nebeneinander halt nicht ausgehen, außer (scheinbar) für Rechtspopulisten und Kleptokraten. Die stellen "ganz einfach" die eigenen Bedürfnisse über jene anderer! Doch die Regel "ich / wir zuerst" ist halt als Grundsatz für eine allgemeine Gesetzgebung (bis hin zum Völkerrecht) nicht mehrheitsfähig, weil für die benachteiligten Menschen schlichtweg inakzeptabel. (Manche Alphatiere probieren es dann halt mit Wut-Zöllen, und Krieg scheint heutzutage auch wieder zur Option zu werden.)
Ich glaube, unsere Rechtsordnung hat in den letzten Jahrtausenden eine sehr vernünftige Regelung zum Umgang mit Funden entwickelt: Übersteigt deren Wert EUR 10,-, sind sie zu melden und gegen späteren Finderlohn an entsprechender Stelle abzugeben. Psychologisch macht dies ebenfalls Sinn, denn es ist wissenschaftlich erwiesen, dass uns Verluste viel mehr schmerzen als unterbliebene Gewinne. Und jeder vernünftige Mensch wird mit diesen Resultaten im Fall der Fälle gut leben können, und zwar unabhängig von der ihm vom Schicksal zugewiesenen Rolle.
Probleme mit einem etwaigen Rollentausch bekommen würden jedoch neben dem Typus "Volkskanzler" vermutlich auch Händler, die überzogene Preise verlangen, oder gierige Vermieter (einerseits). Aber (andererseits) auch Idealisten, die Leerstandsabgaben als Allheilmittel zur Bekämpfung der Wohnungsnot ansehen, aber später vielleicht selbst eine abgewohnte Wohnung erben und keinen Kredit mehr für die Renovierung bekommen, weil die Bank sagt, Vermieten rechne sich mit all den Auflagen, Unsicherheiten und neuerdings auch politischen Eingriffen in den freien Markt "wirtschaftlich nicht mehr darstellbar". Und wie ist das mit dem Ruf nach Deregulierung (für mehr eigene Freiheit) gleichzeitig mit der Forderung nach neuen Verbotsgesetzen (zum Schutz vor der Freiheit anderer)?
Basierend auf diesen grundsätzlichen Überlegungen zur Fairness entlarven sich wohl viele politische Postulate als "nicht zu Ende gedacht" und nur zutiefst kindlichem Egoismus geschuldet. Und das wissen natürlich auch unseriöse Politiker, die den Wähler:innen ausschließlich das versprechen, was diese gerne hören, sie in ihren Ängsten bestätigen und mit Wahlzuckerln locken, für deren Kosten dann andere, zum Beispiel Fremde (und mit ihnen auch langfristig die heimischen Pflegebedürftigen) respektive die nächsten Generationen aufkommen können (Dieselprivileg, teure Autobahnen in Verbindung mit CO2-Strafzahlungen). Dabei sollte doch jedes Kind wissen, dass man von dubiosen Gestalten tunlichst keine Zuckerl annehmen sollte, denn das ist echt gefährlich!