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Aktuelles

Der (Wut-) Bauer und das liebe Gesetz

Folgende, frei erfundene Geschichte spielt vor circa hundert Jahren und soll veranschaulichen, mit welchen Schwierigkeiten der Gesetzgeber bei der Einführung neuer Regeln manchmal zu kämpfen hat. (Manch wütende Kommentare von rechtspopulistischen Mandataren heutzutage werden in der Folge vielleicht ein bisschen besser einordenbar. ;-) 

Ein Bauer fährt mit seinem Traktor wie gewohnt vom Hof zu einem nahegelegenen Stadel. Da er dort immer allein auf weiter Flur unterwegs ist, bleibt er natürlich in der Mitte der Straße mit maximalem Sicherheitsabstand nach beiden Seiten. Plötzlich passiert etwas völlig Unerwartetes: ein Großstädter kommt ihm entgegen, in einer für damalige Verhältnisse riesigen Karosse. Sowas hat unser Bauer noch nie gesehen. (Wie kann man sich so ein Gefährt leisten? Wahrscheinlich auf Kosten der Steuerzahler, also der Bauern!) Die gesamte Situation ist völlig neu für ihn, denn er kann nicht mehr weiterfahren und muss außerplanmäßig anhalten.

Verschärfend kommt hinzu, dass der neue Konkurrent um die Straße Stress macht, indem er hupt, wild gestikuliert und schließlich dem Bauern durchs geöffnete Fenster zuruft, er solle gefälligst zur Seite fahren, er habe schließlich nicht den ganzen Tag Zeit.

Damit nähert sich unser Bauer seiner optimalen Betriebtemperatur, steigt vom Traktor ab und erklärt dem Gegenüber einmal ausführlich seine Sicht der Dinge:

 "Hearst Großkopferter, jetzt werd' I dir amal was sagen: Schleich di z'ruck, wo du herkumma bist. Wos machst du überhaupt auf meiner Straßn? Und wos haßt, I soll auf'd Seit'n fohr'n, I man, I tram mit dir, geht's no? Du wüllst mir sog'n, was I tuan soll? Bist du..."

Der Großstädter unterbricht unbeeindruckt und zunehmend genervt: "Sagen sie, guter Mann, haben sie noch nichts von der neuen Straßenverkehrsordnung gehört? Gemäß Rechtsfahrordnung sind sie verpflichtet, jawohl: VERPFLICHTET!!!,  soweit rechts wie möglich zu fahren, damit wir beide genug Platz haben. Und was heißt: "ihre Straße", wir befinden uns auf öffentlichem Grund und Boden. Also könnten sie bitte..."

"Wos bin i?" Der offene Meinungsaustausch findet ein jähes Ende, als den Landmann der unbändige Wunsch überkommt, den "Großkopferten" unter Verwendung einer mitgeführten Mistgabel "operativ" aus dessen Luxusschlitten zu entfernen, seiner Stimmung entsprechend natürlich "maximal-invasiv".

Der Großstädter zieht es vor, aufs Gas zu steigen und sich durch eine gewagte Fahrt über unbefestigtes Gelände in Sicherheit zu bringen. Das schaurige Fluchen und Schimpfen des Landmannes ist noch einige Zeit zu hören, und zwar kilometerweit. 

Am abendlichen Stammtisch wird die Situation in der Folge eifrig diskutiert. Unter den Gleichgesinnten besteht kein Zweifel, dass unser Wutbauer völlig im Recht war, man so etwas Neumodisches wie die StVO hier nicht brauche und "sowas" nur den "Wahnsinnigen in Wien" einfallen könne. Und wenn schon, warum überhaupt "rechts", warum nicht "links" an den Rand fahren? Eben! Alles unausgegoren, unnötig, und so eine willkürliche Bevormundung brauche der gestandene Landmann wie einen Kropf (oder, noch schlimmer: Wiener)...

Über die Jahre hinweg nimmt die Verkehrsauslastung freilich immer mehr zu, wovon auch unser Bauer in seiner entlegenen Gegend nicht verschont bleibt. Lange Zeit blockiert er beim Zusammentreffen mit anderen FahrzeuglenkerInnen weiterhin beharrlich die gesamte Straße, bis die Gegenseite zurückschiebt oder auszuweichen versucht. Wenn jemand dann stecken bleibt, quittiert er dies mit einem zufriedenen: "waratst halt z'Haus blieb'n, wos mochtst du a auf meiner Straß'n...?!"

Erstaunlicherweise fährt er aber in solchen Fällen nicht einfach weiter, sondern zieht die Liegengebliebenen mit seinem Traktor zurück auf die Straße, freilich nicht ohne sie nach allen Regeln der Kunst zu demütigen für ihre offensichtliche Unfähigkeit, ein Fahrzeug zu lenken. Aber immerhin können diese dann ihre Fahrt, wenngleich schwer traumatisiert, fortsetzen.

Irgendwann ertappt sich der Landmann aber dabei, wie er bei Gegenverkehr ganz automatisch nach rechts zieht, wenn er es sehr eilig hat und selbst ihm die Zeit zu schade ist für seine Revierkämpfe. Und er wundert sich unterbewusst, wie reibungslos das funktioniert. Irgendwann hat er die Rechtsfahrordnung verinnerlicht, freilich ohne sich der durchlaufenden Entwicklung bewusst zu sein und seine Vorbehalte gegen die "Großkopferten" aus der Bundeshauptstadt und deren unnötige Vorschriften auch nur ein klein wenig zu hinterfragen, denn "die da oben" haben natürlich keine Ahnung von irgendetwas... Zum Glück gibt es noch so gestandene Burschen wie ihn und seine Kollegen am Stammtisch, die das Land am Laufen halten, denn sonst ginge ja bald alles den Bach runter. 

Und Messbecher fürs Glyphosat? Unnötig, Zeitverschwendung, die Dosierung hat der geborene Landmann einfach im Gefühl! "Des homma imma scho so g'mocht und wos hot's uns g'schad't...?" Wieder so ein Schwachsinn von der EU und den Grünen... Und besonders letztere braucht der Landmann wie...

Für den Inhalt der Kolumne alleine verantwortlich: Mag. iur. Peter M. Zimmeter
Anregungen, Gegenargumente sowie allfällige Beschwerden bitte an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
Geschrieben von Christoph Stattin am .

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